Inspiriert durch die Frage beim monatlichen Stammtisch der NetzwerkFrauen von Nadine Muthreich, einer der vier starken Gründerinnen des Unternehmens NetzwerkFrauen blicke ich zurück auf die ersten Wochen meiner Selbstständigkeit.
Immer mal wieder überkommt es mich. Ich kann es nicht fassen: ich sitze in meinem Raum im Saarpfalz-Park in Bexbach. In meinem Raum der Begegnungen, in dem ich Frauen begleite.
„Kneif mich“, möchte ich rufen, um sicher zu gehen, dass das nicht einfach ein zu schöner Traum ist! Der aller erste Raum, der nur mir „gehört“. Als Kind durfte ich mein Zimmer mit meiner Zwillingsschwester teilen. Mit Neunzehn zog ich zu meinem jetzigen Ehemann in sein winziges Zimmer in der WG. Nach einigen Monaten entschieden wir uns zusammen zu ziehen: zuerst in eine Wohnung in der Stadt und danach in unser Haus auf dem Land. Mit zwei Kindern sind die Schlafzimmer verteilt. Ich träume von einem Ausbau des Dachbodens oder des Kellers.

Allein aus diesem Grund wollte ich mir meinen Raum so schön wie möglich machen und gönnte mir eine „Bürooptimierung“: eine Feng Shui Beratung bei Dorina und nahm mir vier Wochen Zeit, um zu renovieren.


Den Neubeginn feiern
Noch während der Gründungsphase war mir bereits klar, dass ich den Beginn meiner Selbstständigkeit auf jeden Fall feiern möchte. Den Neubeginn wollte ich mit den Menschen feiern, die mich auf meinem Weg begleitet, gestärkt und inspiriert haben. Natürlich sollte die Feier klein und überschaubar bleiben, um das Budget nicht zu sprengen.
Das Datum, 21.06.2026, wählte ich ganz bewusst: Sommersonnenwende. Einer der großen Sonnenfeste. Eine der großen Wendepunkte im Jahreskreis. Der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres. Astrologischer Sommeranfang.
Der höchste Stand der Sonne wurde bereits von unseren Vorfahren in vielen verschiedenen Feiern (Litha, Johannistag, Mittsommer) zelebriert. Auch heute wird diese Zeit von vielen Kulturen gefeiert. Es steht für Fruchtbarkeit, Wachstum, Überfluss, Licht, Reinigung, Erneuerung, Lebenskraft und Gemeinschaft.
Im Mittelpunkt der Feste stand das Feuer. Menschen kamen zusammen, hielten sich an den Händen und sprangen über die Glut. Nicht aus Mutprobe, sondern als bewusstes Zeichen des Übergangs. Sie ließen die erste Jahreshälfte hinter sich und sprangen voller Vertrauen in die zweite. Das Feuer erinnerte die Menschen daran, Altes loszulassen, Ballast abzustreifen und sich für das zu öffnen, was vor ihnen lag. Mehr als passend für mein persönliches Fest. Für meinen Wendepunkt. Für meinen Neubeginn.
Als Blumen wählte ich bewusst zur Mittagszeit frisch gepflücktes Johanniskraut, das ich im Anschluss trocknete und weiterverwenden möchte.
Trotz einiger kurzfristiger Absagen feierte ich mit 19 wunderbaren Menschen, darunter Familie und Freunde, ein rauschendes Fest. Eine Hand voll wertvolle Menschen waren während der Rede sogar online zugeschaltet, was mich besonders gerührt hat. Nur ein einziges Foto gibt es von der Feier. Ich deute es als ein gutes Zeichen.

Nach einem kühlen Begrüßungsgetränk war es mir ein besonderer Wunsch, eine selbstverfasste, sehr emotionale Rede zu halten. Auf ihrem Höhepunkt lud ich meine Gäste dazu ein, sich zurück zu erinnern an einen Moment aus ihrem Leben, in dem sie sich lebendig, frei, mutig oder einfach vollkommen als sie selbst gefühlt haben. Dazu durften sie ein Foto mitbringen, das sie an diesen Moment erinnerte. Zusammen versetzten wir uns in diese Situation zurück und verbanden uns mit ihr, mit dem Gefühl, aber auch mit der Lebendigkeit und der Kraft. Abschließend war es mir ein großes Anliegen, mich bei meiner Familie, meinen Freunden und Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern von Herzen zu bedanken.
Mir war es sehr wichtig, ihnen etwas zurück zu geben: durch das gemeinsame Ritual, aber auch durch einige Köstlichkeiten: Torte, Kuchen und eine große belegte Brezel. Trotz steigender Temperaturen auf 26 m² feierten wir ausgelassen, lachten, führten gute Gespräche und teilten diesen besonderen Moment.

Abschließend zog ein beeindruckender Sturm auf. Es regnete Hunde und Katzen. Die Äste der Bäume vor meinen Fenstern peitschten gegen das Glas. Sogar eine Balkontür wurde des Sturms wegen demoliert. Spontan fand am Ende sogar eine Notfall-Energiearbeit statt. Alles in allem war es ausgesprochen extrem hinsichtlich der Emotionen, Hitze und Sturms. Angetrieben durch diesen Energieschub legte ich mit Rückenwind los. Für mich war das der emotionale Startschuss meiner Selbstständigkeit. Bereits einige Tage darauf durfte ich meine erste Klientin in meinem Raum begrüßen und coachen.
Nicht mal 7 Tage vorher stand die Feier jedoch auf der Kippe, da sich die Lieferung der Einrichtung verzögerte. In einem leeren Raum wollte ich auf keinen Fall feiern, den Termin jedoch genauso wenig verschieben. Es fühlte sich an, als würde ich auf die Probe gestellt werden, ob ich das Ganze wirklich und genau jetzt möchte und wie sehr ich das möchte.

Nicht verwunderlich ging der offizielle Start am 01.07. unbewusst fast unter. Dank der Erinnerung meines Mannes wurde dieser zumindest mit einem Schluck magisch geweihten Mets aus einer Quake bedacht.


Meine „erste Amtshandlung“ nach dem offiziellen Start: Fahrt in den Allgäu zum weiteren Termin des schamanischen Wegs, anstatt „Geld zu verdienen“.

Die Arbeit kann beginnen
In einer der ersten Wochen hatte ich an einem Tag ein wichtiges Online-Meeting mit einem großen potentiellen Auftraggeber für mein Ingenieurbüro und am Tag drauf ein großes Ritual mit einer Klientin, auf das ich mich mehrere Wochen vorbereitet hatte. Unterschiedlicher hätten die beiden Tage nicht sein können.
Da fiel mir ein Satz ein, den Sabina uns bei der Ausbildung mitgab: „Ihr könnt wählen, in welcher Welt ihr seid“.
Bei der schamanischen Arbeit reist man in verschiedene Welten. Aber dieser Satz beinhaltet so viel mehr. Ich kann z.B. bewusst wählen, wo ich mich gedanklich befinde während ich körperlich an einem bestimmten Ort bin. Im besten Fall stimmen die Gedanken mit dem Standort des Körpers überein. Aber ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich in Gedanken ganz wo anders war: gedanklich bei den Kindern kurz nach der Elternzeit, bei dem Versuch mich auf die Aufgaben auf der Arbeit zu konzentrieren oder im Kopf bei dem nicht gelösten Problem einer Arbeitsaufgabe während des Abendrituals mit den Kindern. Und das sind nur zwei Beispiele.
Bewusste Rituale, wie das Aufräumen meines Arbeitstisches vor Feierabend, das bewusste Durchschreiten der Ausgangstür oder die Gesichtswäsche mit der Intention, den Arbeitsalltag, der noch da ist, abzuwaschen, haben mir mit der Zeit den Wechsel der Welten zwischen Arbeit und Muttersein um einiges erleichtert. Das war eine gute Vorübung für den Wechsel meiner Welten der Selbstständigkeit zwischen Tragwerksplanung und shaemagic.

Darüber hinaus waren die ersten Wochen der Selbstständigkeit gefüllt mit sehr vielen kleinen, aber wichtigen Aufgaben. Die to-do-Liste wurde länger und länger, wobei die meisten Aufgaben wichtig und dringend waren. Ich fühlte mich wie bei der Feuerwehr: Was „brennt am schlimmsten“, das sofort erledigt werden muss. Dementsprechend war auch meine Gefühlswelt: von voller Tatendrang und zum Bäumeausreißen zu Fluchtgedanken wegen Überforderung war alles dabei. Die „Was zum Teufel mache ich hier“-Gedanken überwiegten zum Glück nicht.
Rituale, Routinen und Austausch
Was mir Halt gab, waren Routinen: morgendlicher handschriftlicher Überblick über Aufgaben und dem gegenübergestellt die täglichen Termine, Powernap mit anschließender bewegter Mittagspause, Blöcke der konzentrierten vertiefter Arbeit mit der Pomodoro – Technik und Wecker zum Feierabend.
Ebenfalls sehr hilfreich waren Techniken der Zentrierung, Dankbarkeit, Bannung und Energietrennung, die ich täglich praktiziere und auch Flüchte in die Natur. Auch der Austausch mit „Mitstreiter:innen“, Gründer:innen, die genau dasselbe erleben, die gleichen Gedanken, Gefühle, Sorgen und Ängste teilen, war und ist bereichernd, wohltuend und Entspannung spendend.
Ich machte mir bewusst, dass viele der Aufgaben, die ich aktuell erledige, nur „vorübergehend“ sind. Außerdem braucht es etwas Zeit, Arbeitsabläufe zu verinnerlichen, in den Flow zu kommen und sich in die neuen Programme bspw. der Rechnungserstellung oder der Buchhaltung zu gewöhnen.
Erste Male bewusst erleben
Die ersten Male sind immer die besonderen. Das Erstellen meiner ersten Rechnung war auch so ein besonderer Moment. Auch nachdem mein Steuerberater das Ok gab, prüfte ich die Rechnung wieder und wieder, bevor ich sie endlich „schnell und schmerzlos“ wie das Abziehen eines Pflasters und unter Anhalten der Luft abschickte. Das Erhalten der ersten Zahlung war mindestens genauso außergewöhnlich. Es erfüllte mich mit Stolz einerseits, aber auch mit Wertschätzung andererseits.
Nach vier Wochen, in denen ich jeden Tag in meinem Raum war und von dort gearbeitet habe, merkte ich wie „mein Atem nachließ“. Ich erinnerte mich an einen Tipp, den meine Fotografin Silke mir und anderen Gründerinnen bei einem Vortrag gab: „Die Selbstständigkeit ist ein Marathon, kein Sprint“. Das wird bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass ich an ihren Satz denke.
Ich stellte mir die Frage: was passiert, wenn ich morgen nicht ins „Büro“ fahre, sondern mir frei nehme? Erst ein seltsames Gefühl, dann das Wort „Nichts“. So gönnte ich mir in den zwei letzten Sommerferienwochen vier freie Tage, die ich nutzte und mit meinem Mann und unseren Kindern Ausflüge unternahm. Den geplanten und gebuchten Sommerurlaub hatten wir wegen der neuen Situation einvernehmlich gecancelt. Umso entspannter und erholsamer waren diese Tage mit der bewussten Entscheidung FÜR die Familie und FÜR meine Freizeit. Das ist auch Freiheit der Selbstständigkeit, die ich lernen und leben möchte.
In die neue Freiheit hineinwachsen
Freiheit ist das Wort der letzten Wochen. Ich fühle mich so frei wie noch nie in meinem Leben zuvor. Und zwar nicht nur privat, sondern vor allem beruflich! Ich muss auf „niemanden warten“. Es steht eine Entscheidung an. Ich treffe sie. Ich muss niemanden um Erlaubnis fragen. Ich möchte einen Zugang zu den aktuellen Normen haben. Deshalb leiste ich mir einen. Ich habe mich für ein Statikprogramm entschieden. Also kaufe ich es. Die Tatsache, dass niemand anderes meine Entscheidungen treffen wird, versetzt mich nicht in Panik, sondern schenkt mir grenzenlose Freiheit! Natürlich muss ich mit den dazugehörigen Konsequenzen leben. Aber dessen bin ich mir bewusst.

Stolz präsentiere ich meinen Namen auf meinem Auto. Das sehr gelungene Logo als Autoschild, erstellt von meiner Marken- und Webdesignerin Daniela.
Bereits während der Gründungsphase fühlte sich „die Arbeit“ nicht schwer und drückend an. Ich musste mich nur selten „zur Arbeit“ motivieren. Und nun ist es noch eindrücklicher: ich genieße die Arbeit und zwar beider Unternehmen! Ich muss mir täglich einen Wecker stellen, der mich an den Feierabend erinnert. So vertieft und engagiert bin ich in meinem Tun. Und das, weil ich weiß, wofür ich das mache bzw. für wen: für MICH! Ich investiere Geld, Zeit und Kraft in MICH! Und das ist grandios!


