Mein Weg als Frau im MINT-Beruf: von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit

Neun turbulente Monate verpackt in 1.816 Wörter

Ich sitze im Auto. Es ist November und die Sonne ist bereits untergegangen. Meine Wangen glühen und sind geflutet durch meine ununterbrochen fließenden Tränen. Ich sollte in diesem Zustand nicht Auto fahren, denke ich. Ich möchte nur nach Hause, den Tag abwaschen, in meinen Kuschelpyjama schlüpfen, unter meine schützende Decke kriechen und nie wieder aus meinem Kokon rauskommen.

Wie konnte es nur so weit kommen, frage ich mich während ich versuche, mich wenigstens auf das Nötigste im Straßenverkehr zu konzentrieren, um im Ganzen anzukommen. Ich hatte den perfekten Job! Als Statikerin in einem Ingenieurbüro, das von Büro- und Wohngebäuden über den klassischen Sonderbau bis hin zu Spezialgebäuden anbietet. Ich konnte zwischen den unterschiedlichsten Disziplinen wählen! Alles, wovon ich jemals geträumt habe, lag vor mir ausgebreitet und griffbereit.

Arbeitslos – eiskalt erwischt

Während der letzten vierzehn Jahre hatte ich mich zwei Mal gegen einen Arbeitgeber entschieden. Aber noch nie zuvor wurde ich gekündigt. So fühlt sich also eine Kündigung an. Ich wurde eiskalt von den Worten „Wir können uns eine Zukunft mit dir nicht vorstellen“ erwischt, wie ein Eimer eiskaltes Wasser, der ohne Vorwarnung über mir ausgeleert wurde. Jetzt kann ich stückweise die Bemerkung meines letzten Abteilungsleiters nachvollziehen, als er mir lächelnd vorwarf, ich hätte ihm nicht genug Zeit gegeben. Dieses Mal hatte ich nicht genug Zeit, zu zeigen, wer ich bin und was ich draufhabe! Jetzt ist es zu spät. Was für eine Ironie.

Die Landschaft rast an mir vorbei. Ich klemme mich an einen LKW und trotte wie ein Roboter hinter ihm her. Meine Gedanken überschlagen sich. Ein Gedanke jagt den nächsten. Wie soll ich meine Rechnungen bezahlen? Wo soll ich einen neuen Job finden? Wie soll ich einen weiteren Arbeitgeberwechsel beim nächsten Bewerbungsgespräch rechtfertigen?

Und was jetzt?

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen vor einiger Zeit. Dabei sagte ich, dass, falls diese Stelle nichts wäre, ich auswandern würde. Auswandern? Mit Mann und zwei kleinen Kindern? Was damals mehr als Scherz ausgesprochen wurde, fühlt sich jetzt völlig absurd an! Doch was stattdessen? Ich gehe gedanklich Stück für Stück zurück in die Vergangenheit. Erinnere mich an die Suche nach einer geeigneten Stelle als Tragwerksplanerin mit Herausforderungen. Eintönige Arbeit bei einer Behörde konnte und kann ich mir nicht vorstellen. Ich suche eine Stelle, die mich fordert. Eine Stelle mit Aufgaben, die abwechslungsreich und vielseitig sind und an denen ich wachsen kann. Gar nicht so einfach, wenn der Radius vom Wohnort nicht unendlich frei wählbar ist.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich bei der letzten Stellensuche eine Übernahme eines Ingenieurbüros ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Die Gespräche waren vielversprechend und weitreichend. Leider hatte mich damals der Mut verlassen, als es konkreter wurde. Damals war ich noch nicht bereit für diesen mutigen Schritt. Wie sieht es heute aus?

Ein neuer Weg tut sich auf

Immer ein Schritt nach dem Nächsten. Ich muss nicht immer eine Lösung für jedes Problem parat haben! Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Ich atme tief ein und aus. Ein weiteres Mal. Und noch weitere mehrere Male. Nach und nach beruhige ich mich. Das kühle Gebläse von draußen tut den Rest. Langsam breitet sich ein Gefühl in meinem Bauch aus. Ich kann es nicht benennen, weiß nicht wo es herkommt. Es ist ein warmes zuversichtliches flutendes Gefühl, das sich Stück für Stück ausbreitet und mich leichter werden lässt. Ein Gedanke steigt aus dem Nichts langsam auf wie ein nach oben gleitender mit Helium gefüllter Ballon. Selbstständigkeit. Dieser Begriff mit diesem wohlig warmen Gefühl, das mich tröstet. Ich lasse es stehen ohne dass sich der Verstand einschaltet. Ich atme wieder tief und langsam durch. Mein Herzschlag beruhigt sich. Ich genieße die Stille.

Auf einmal fühle ich mich stark, mein Blick wird zielsicher. Ich strotzte vor Selbstbewusstsein! Ich könnte Bäume entwurzeln, so viel Energie flutet mich. Wo kommt das her? Nur dieses eine Wort: Selbstständigkeit. Sonst nichts. Keinen Plan! Keine Vorstellung! Keine Struktur! Ich muss lächeln.

Zu Hause angekommen gönne ich mir viel Schlaf zur Erholung und Regeneration. Es braucht einige Tage, um den Schock, der tief sitzt, zu verdauen. Von Tag zu Tag wird es leichter.

Bestandsaufnahme

Ich nehme mir Zeit, um inne zu halten, zu reflektieren und in mich hineinzuhören. Ich gehe meine bisherige Berufslaufbahn durch. Step by step. Ich erinnere mich an jeden Schritt. Jede Entscheidung gehe ich durch und erschrecke.

Mir wird bewusst, dass meine bisherigen Entscheidungen von Angst geprägt, nicht bewusst gewählte Wege waren. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens entschied ich mich für ein Unternehmen, weil ich Angst hatte, nichts Besseres zu bekommen und mein Plan A, an der Universität zu bleiben, sich von einem Moment auf den nächsten in Luft aufgelöst hatte.

Zwei Mal entschied ich mich gegen den Arbeitgeber. Diese Entscheidungen waren bewusst gegen die aktuelle Anstellung. Ich durfte viel lernen, habe mich weiterentwickelt und war gewachsen bzw. der Stelle ENTwachsen. Doch die folgende Entscheidung für einen neuen Arbeitgeber geschah nicht bewusst „für“, sondern wieder aus Angst, nichts Passenderes zu finden.

Ich bin geschockt! Nie habe ich mir Zeit genommen, inne zu halten und mir wirklich bewusst zu werden, was ich wirklich machen möchte, ohne jeglichen Druck. Das trifft mich hart! Mit vierzig Jahren, nach vierzehn Jahre in der Anstellung, kommt die Erkenntnis spät. Aber jetzt ist sie da! Ich nehme mir bewusst Zeit, ganz ohne Stress und gehe in mich. Da ist wieder dieser Begriff: Selbstständigkeit. Ich lasse es zu.

Es dauert Tage, Wochen. Mir wird bewusst, dass ich, als ich Expertin und einzige Ansprechpartnerin für die Projekte in Japan war, am glücklichsten war. Am effektivsten. Am erfülltesten. Am mutigsten! Ich leistete Pionierarbeit! Ich verhalf meiner Firma zu dem wichtigen Zertifikat, das sie benötigte, um in Japan Fuß zu fassen! Mir wurde so viel Vertrauen entgegengebracht, so dass ich viele Entscheidungen selbst treffen durfte. Natürlich mit den dazugehörigen Konsequenzen meiner Entscheidungen. Aber da fühlte ich die Selbstermächtigung, die mir so wichtig ist! Das ist es, was ich will! Ich möchte selbst! SELBSTständigkeit!

Die Gegensätze vereinen: Struktur und Intuition

Neben meiner Tätigkeit als Ingenieurin habe ich mich in meiner Freizeit über Erwachsenbildung an mir gearbeitet und mich durch Weiter- und Ausbildungen persönlich weiterentwickelt: [3], [4], [5], [6], [7]. Dabei bin ich u.a. meiner Intuition begegnet und habe gelernt, ihr zu vertrauen und auch danach zu handeln. Bislang schienen mein Ingenieurberuf und meine Intuition zwei völlig unterschiedliche Welten zu sein, die unvereinbar zu sein schienen.

Jetzt, neun Monate, einem Existenzgründungscoaching [7], [8] und einem 22-wöchigen Lehrgang der Selbstermächtigung [3] später, wurde mir auf mehreren unterschiedlichen Wegen gezeigt, dass ich beides bin: Ingenieurin MIT Intuition. Durch die Selbstständigkeit kann ich beides vereinen.

Ich gründete im Juli 2026 zwei Unternehmen: die Tragwerksplanung, in der ich meine Leidenschaft zu Tragwerken, Technik und Engineering leben kann. Das zweite Unternehmen ist shaemagic, mein Mindset-Coaching, in dem ich speziell Frauen in MINT-Berufen begleite.

Dabei lasse ich meine bisherigen Erfahrungen meines beruflichen Werdegangs in von Männern dominierten Arbeitswelt einfließen. Die Techniken, die ich zunächst nur für mich erlernt habe, finden in meinem Coaching Anwendung: Magie (Wechselwirkung von Bewusstsein und Wirklichkeit), Schamanische Arbeit und Naturverbundenheit, sowie psychologische Elemente (Aufstellungen, Hypnose, Genogrammarbeit, Epigenetik, Stuhl-, Seil- und Ahnenarbeit beim hypnosystemischen Coaching, Klang). Mein Wissenshunger ist nach wie vor groß, weshalb ich mich demnächst bei MenoCert [9] zur Wechseljahres-Beraterin ausbilden lasse.

Die AUSWirkung dieser Methoden habe ich im eigenen Erleben nach und nach gespürt. Ich habe am eigenen Leib erfahren, welchen Impact die Einstellung zum Leben, Verantwortung übernehmen, bewusstes Leben, die Arbeit an sich selbst, Selbstbestimmung und Selbstermächtigung hat.

Diese Erkenntnisse und Erfahrungen möchte ich nutzen, um Frauen Mut zu machen, sich klar und deutlich für sich selbst und auch für die Veränderung zu entscheiden!

Mut zur Veränderung

Ich verstehe, dass es Mut zu Veränderung braucht. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass sich dieser Mut auszahlt! Dass, wenn man diesen Mut aufbringt und den Schritt über die Grenze der Komfortzone wagt, dahinter eine neue Welt auf einen wartet. Eine Welt, die man sich in Träumen nicht hätte gewagt, vorzustellen. Eine Welt, die man bewusst, selbst gestalten kann. Bei mir ist es dieses Feuer, das mich antreibt! Diese Leidenschaft, diese Lebensfreude, diese LebensLIEBE! Ich wähle diesen Begriff bewusst, weil ich das Leben so sehr liebe und auch mein Leben! Ich liebe es, hier am Leben zu sein und meine Erfahrungen zu machen! Diese Lebensliebe entfacht meine Veränderungen!

Manchmal macht mein Mut mir aber auch Angst. Doch dieser Anteil, diese Momente wurden in den letzten Monaten von Tag zu Tag immer geringer und seltener, sodass ich voller Vorfreude der Zukunft entgegenblicke. Verrückt, wenn ich darüber nachdenke, wo meine Reise vor neun Monaten begann: mit einer Kündigung.

Ich habe mich nicht eingeigelt, bin nicht in Selbstmitleid zerflossen und hab nicht den Kopf in den Sand gesteckt. Zwischenzeitlich ja, aber nicht längerfristig und auf Dauer. Das bin nicht ich! Ich bin eine zutiefst überzeugte Optimistin! Schon immer gewesen! Auch oder erst recht in den dunklen Momenten meines Lebens! Und die gab es.

Schmerzen, die mir zugefügt wurden, Depressionen, Burn-out, völlige Überforderung. Körperlich wie mental. Ich weiß, dass alles einen Sinn hat! Auch, wenn der Sinn sich mir im Augenblick nicht erschließt. Später, im Rückblick, wird er klar werden. Alle Erfahrungen, schön wie schmerzhaft, haben mich zu der geformt, die ich heute bin! Dafür bin ich unendlich dankbar! So blicke ich voller Vertrauen in die Zukunft. Ich bin bereit, nach außen zu treten und mich zu zeigen! Und zwar genauso wie ich bin!


Dieser Beitrag erschien am 20.05.2026 in der 2. Ausgabe des nature intelligence Magazins mit dem Themenschwerpunkt „Veränderung“. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit diesem Beitrag das einzige, kostenlose Magazin zu mentaler Gesundheit in digitalen Arbeitswelten unterstützen und einen ersten Schritt Richtung Sichtbarkeit wagen durfte.

Ein weiterer großer Schritt stellt mein Blog „der Raum der Gedanken“ dar. Darin teile ich Themen, die mich in meiner Arbeit bewegen. Ich gebe Einblicke in die Methoden, mit denen ich arbeite, ordne sie verständlich ein und zeige, wie sie dabei unterstützen können, neue Perspektiven zu gewinnen und Veränderung bewusst zu gestalten. Dabei geht es nicht um einzelne Menschen oder persönliche Geschichten, sondern um Zusammenhänge, Wissen und Impulse rund um Persönlichkeitsentwicklung, Selbstermächtigung sowie die Verbindung von Verstand und Intuition. Dies ist mein erster Beitrag.